Blick auf das „Werk Tanne“ – neue Dennert-Tanne eingeweiht

Zur Geschichte des Sprengstoff-Werkes “Tanne” in Clausthal

(harz-aktuell) Jüngst wurde am Nordende des Oberen Pfauenteich-Damms eine neue Dennert-Tanne zum Thema des Werks Tanne eingeweiht – unseres Wissens die erste Informationstafel zum brisanten Thema „Tanne“ seit 1945!

Die Idee entstand am 2. Dezember 2019, als die Veröffentlichung des Historikers Stefan Wittke zur Rolle des Oberbergamts Clausthal-Zellerfeld im Dritten Reich vorgestellt wurde. Auf die Frage, ob die Dennert-Tannen jetzt noch zeitgemäß seien, weil Herbert Dennert sich als strammer Nazi entpuppt hatte, schlug Dr. Friedhart Knolle vor, keine Bilderstürmerei zu begehen, sondern auch Dennert-Tannen dort aufzustellen, wo sie Herbert Dennert aus ideologischen Gründen niemals aufgestellt hätte. Gesagt getan – Thomas Gundermann griff als Vorsitzender des Oberharzer Bergwerks- und Museumsvereins die Idee auf und so entstand eine erste dieser neuen Tafeln.

Am östlichen Stadtrand von Clausthal-Zellerfeld befinden sich die eingezäunten Ruinen des Werks Tanne. Es gehört gemeinsam mit den Schwesterwerken im Bergland Oberhessens (Stadtallendorf, Werk Allendorf, und Hessisch Lichtenau, Werk Hirschhagen) und an der Elbe (Werke Elsnig bei Torgau und Krümmel bei Hamburg) zu den größten TNT-Produktionsstätten NS-Deutschlands. Auf etwa hundert Hektar erstreckt sich in Sichtweite der Tafel die ehemalige Sprengstoff-Fabrik „Tanne“, in der während der Zeit des Nationalsozialismus Trinitrotoluol (TNT) und andere Sprengstoffe hergestellt und in Bomben, Granaten und Minen abgefüllt wurden. Das Werk wurde hier an den Pfauenteichen als Teil des Welterbes Oberharzer Wasserwirtschaft angelegt, weil man auf diese Weise Frischwasser für die Produktion abzweigen konnte und dachte, auf dem gleichen Wege das Abwasserproblem des Werks lösen zu können. Für die Arbeit mit den hochgiftigen Chemikalien wurden zeitweise weit über tausend Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, vor allem aus der Ukraine und Weißrussland, eingesetzt.

Viele verstarben durch Unfälle, andere wurden durch Vergiftung lebenslang in ihrer Gesundheit geschädigt, über 50 der „Ostarbeiter“ verloren ihr Leben bei einem Bombenangriff im Oktober 1944. „Werk Tanne“ wurde vom Nationalsozialismus sowohl dafür genutzt, die vielen Bergleute für sich zu gewinnen, die nach der Stilllegung des Clausthaler Bergbaus arbeitslos waren, als auch zur Kriegsvorbereitung für den Zweiten Weltkrieg. Am 1.4.1939 wurde mit der Produktion in Werk Tanne begonnen, am 1.9.1939 begann mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Nach dem Krieg wurde „Werk Tanne“ stillgelegt und ist heute eine gefährliche und hochbelastete Rüstungsaltlast.

Nachdem das Werk und seine Folgen lange verschwiegen und heruntergespielt wurden, hätte kaum einer der Erstautoren damit gerechnet, wie stark die Nachfrage nach unseren Publikationen zu diesem Werk einmal sein würde. Nach ersten kleineren Veröffentlichungen in regionalen Magazinen erschien 1993 ein grundlegender Beitrag im Band „Rüstungsindustrie in Südniedersachsen während der NS-Zeit“, herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft Südniedersächsischer Heimatfreunde e.V. als Band 9 ihrer Schriftenreihe.

Die Nachfrage war so groß, dass wir später einen Sonderdruck unseres Beitrags fertigen ließen. Als der vergriffen war, gab der Verlag Papierflieger eine wesentlich erweiterte Fassung in drei Auflagen 1998, 1999 und 2004 als Buch heraus. Auch die sind längst vergriffen. Zwar findet sich zwischenzeitlich viel Information zum Werk Tanne im Internet und an verstreuten Stellen in der Literatur sowie in einer Fülle von nichtöffentlichen Gutachten, aber dennoch – und vielleicht gerade daher – besteht weiterhin die Nachfrage nach einer fundierten Zusammenfassung der wesentlichen Fakten in einem Text. 1998 war der heutige Verein Spurensuche Harzregion e.V. gegründet worden – in ihm sind einige der Autoren aktiv und daher geben wir eine aktualisierte Neubearbeitung unseres Textes in dessen Schriftenreihe „Spuren Harzer Zeitgeschichte“ heraus.

Wir danken unseren zahlreichen Unterstützern, die uns immer wieder ermuntert haben, am Thema weiterzuarbeiten, und dem Verlag Papierflieger, dessen Verleger ebenfalls angeregt hat, den Band neu herauszugeben.

Spurensuche Harzregion e.V.
Dr. Friedhart Knolle

Quelle und Bildquelle: Pressemitteilung Spurensuche Harzregion e.V. vom 06.06.2020

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