Lauterberger Stuhlarbeiterstreik

Im Mai vor 124 Jahren eskalierte der Lauterberger Stuhlarbeiterstreik von 1896

(harz-aktuell) Als 1890 das Sozialistengesetz auslief, begann erneut der Aufbau von Organisationen der Arbeiterbewegung. Der sozialdemokratische Holzarbeiterverband war insbesondere in der damaligen Bad Lauterberger Stuhlindustrie aktiv. In den neun Stuhlfabriken der Region Lauterberg waren bis zu 1.000 Arbeitnehmer beschäftigt. Arbeitskräfte lieferte das schwächelnde Berg- und Hüttenwesen des Harzes sowie die Vorharz-Landwirtschaft. Zu den Festangestellten traten die Heimarbeitskräfte: Ehefrauen, Alte, auch Kinder, die für das Stuhlflechten beschäftigt wurden – trotz des Verbots der Kinderarbeit.

Zur Lohnsituation in Lauterberg warnte die Holzarbeiterzeitung: „Hinein kommt man nach Lauterberg sehr gut, aber schlecht wieder heraus“. Das Herauskommen erschwerte ein Trucksystem. Die Arbeiter mussten einen Teil ihrer Arbeitsmaterialien beim Fabrikherrn kaufen, wobei die Preise über den Handelspreisen lagen. Akkordarbeiter mussten ihre Werkzeuge selbst stellen und, da elektrisches Licht noch fehlte, sogar für das Petroleum am Arbeitsplatz aufkommen. Trotz der Mahnungen der preußischen Gewerbeaufsicht änderte sich dieses System lange nicht. Den Arbeitern wurde ein Teil ihres Lohnes bei Auszahlung wieder aus der Tasche gezogen, und sie verschuldeten sich. Auch die Verschuldung beim Handel war hoch, begünstigt durch das System des Anschreibens. Es wurde auf Kredit gekauft und dann am Lohntag bezahlt. Schwankte der Lohn, geriet die Tilgung ins Schleudern. Hinzu kam ein drastisches Geldstrafensystem bei Verstößen gegen die Arbeitsordnung.

Auch die regelmäßige Drohung mit der fristlosen Kündigung schuf kein Vertrauensklima. Die Wirtschaftslage in der Stuhlindustrie war Anfang der 1890er Jahre höchst schwankend, sodass Kurzarbeit und Lohndrückerei sowie Druck auf Gewerkschaftsmitglieder durch die Unternehmer das Arbeitsklima bestimmten. Im Frühjahr 1896 startete der Arbeitskampf, der als der Lauterberger Stuhlarbeiterstreik Geschichte schrieb. Die Unternehmer Haltenhoff und Zeidler überspannten die Lohndrückerei und lösten damit den am 2. März 1896 beginnenden Streik aus. Die Arbeiterbewegung stand unter staatlicher Kontrolle. Nur wenige Betriebe leisteten sich die Beschäftigung von offen auftretenden Sozialdemokraten oder Gewerkschaftern. Wurde die Mitgliedschaft bekannt, folgte bald die Kündigung. Der Streikleiter Fritz Erfurth wurde im Laufe des Streiks zum Angriffsobjekt der Unternehmer. Er war der böswillige Agitator, der Verführer – der sozialistische Teufel.

Der als hitzig bezeichnete Erfurth überzog die Richtung des Arbeitskampfes, sodass die Unternehmer mehr als nur eine Lohnerhöhung befürchten mussten. Im Mai eskalierte der Streik und umfasste den gesamten Ort Lauterberg. Doch mit der Zeit erschöpfte der Streik die Kassen der Arbeiterschaft. Im Herbst 1896 zeichnete sich ab, dass der Streik die Gewerkschaft in den Ruin treiben würde. Man hatte die Durchhaltekraft der Unternehmer unterschätzt und der Streik wurde beendet. Eine lohnpolitische Verbesserung erreichte der Streik nicht. Die wirtschaftliche Lage der Stuhlindustrie setzte sich in weiterer Lohndrückerei fort und führte 1906/07 erneut zu Streiks in Lauterberg. Der Stuhlarbeiterstreik galt mit 23 Streikwochen als längster und dramatischster Arbeitskampf seiner Zeit. Wegen der mit ihm verbundenen Auseinandersetzungen beschäftigte er sogar den Reichstag.

Mehr zum Streik und zu weiteren Details dieser Geschichte findet sich im Beitrag von Klaus Wettig in der jüngsten Harz-Zeitschrift. Sie erschien im Lukas-Verlag Berlin im 71. Jahrgang für das Jahr 2019. Der aktuelle Band beschäftigt sich neben der Lauterberger Stuhlfabrikation, zu der Hans-Heinrich Hillegeist einen weiteren Beitrag zusteuert, mit historischen Fachthemen zahlreicher Orte aus dem gesamten Harz.

Sieben Beiträge zur Harzgeschichte enthält der Band. Über die Struktur eines mittelalterlichen Weges von Quedlinburg in den Harz berichtet Udo Münnich. Der Beitrag von Maik Hauf bearbeitet die Wüstung Tautenhain im Braunschwender Forst im Ostharz. In Bezug zur Grube »Lautenthals Glück« publiziert Reinhard Kuhn anschließend Gedanken zur Symbolik zweier Oberharzer Münzen. „Prof. Dr. Hermann Böttcher – ein Langelner schreibt die Geschichte Halberstadts“ – mit diesem Thema hat sich der Autor Hendrik Finger ausgiebig beschäftigt. Ein neues Nekrolog-Fragment aus dem Stift St. Johann in Halberstadt hat der Autor Klaus Naß bearbeitet.

Eine Literaturschau und Rezensionen sowie Berichte der Arbeitskreise des Harz-Vereins runden den Band ab. Er ist mit zahlreichen Abbildungen illustriert, hat einen Umfang von 139 Seiten und kann über den örtlichen Buchhandel oder den Lukas-Verlag bestellt werden.

Über den Harz-Verein für Geschichte und Altertumskunde e. V.

Im April 1868 wurde in Wernigerode der Harz-Verein für Geschichte und Altertumskunde e. V. gegründet. Schon von Anfang an sollte er die Geschichtsinteressen aller am Harz beteiligten Menschen und Orte bündeln. Seit 1868 erscheint auch die durch den Harz-Verein herausgegebene Zeitschrift des Harz-Vereins für Geschichte und Altertumskunde e.V., seit 1948 Harz-Zeitschrift genannt.

Der Harz-Verein hat eine wechselvolle Geschichte, die zunächst sehr stark mit seinen prägenden Vorstandsmitgliedern verknüpft war. Bedeutende Vorstandsmitglieder waren u. a. der 1. Vorsitzende, Graf Botho zu Stolberg-Wernigerode, der gräfliche Bibliothekar und Archivar Eduard Jacobs, der Wernigeröder Amtsgerichtsrat Walter Grosse, der Ehrenvorsitzende Karl Wolfgang Sanders, der den Verein nach dem 2. Weltkrieg wieder ins Leben rief, der langjährige Kustos am Braunschweigischen Landesmuseum Christof Römer sowie viele weitere Persönlichkeiten, die weit über die Geschichte des Harzes hinaus von Bedeutung sind.

Der Harz-Verein für Geschichte und Altertumskunde e.V. arbeitet länderübergreifend in Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Thüringen – konsequenterweise ist er denn auch beim Vereinsregister Braunschweig registriert und unterhält seine Geschäftsstelle seit 2000 bei der Schloß Wernigerode GmbH. Der Verein gibt eine Monografien-Reihe heraus – die Forschungen zur Geschichte des Harzgebietes (kurz Harz-Forschungen). Diese bündeln immer wieder besondere Fragestellungen und Interessen, die das Harzgebiet betreffen. Gegenwärtig unterhält der Harz-Verein mehrere Arbeitskreise, wie:

• zur Archäologie des Harzes, geleitet von Hans-Jürgen Grönke in Nordhausen,
• zur Landesgeschichte mit Kirchen- und Klostergeschichte, geleitet von Dr. Monika Lücke in Naundorf bei Halle,
• zur Montangeschichte, geleitet von Hans-Heinrich Hillegeist und Dr. Wilfried Ließmann in Göttingen,
• zur Rechtsgeschichte, geleitet von Dr. Dieter Pötschke in Leest bei Potsdam
• und zur Zeitgeschichte in der Verantwortung von Dr. Friedhart Knolle in Goslar in Verbindung mit dem Verein Spurensuche Harzregion e. V.

Harz-Verein für Geschichte und Altertumskunde e. V.
für den Vorstand
Dr. Christian Juranek und Dr. Friedhart Knolle

Quelle: Pressemitteilung Harz-Verein für Geschichte und Altertumskunde e. V. vom 04.05.2020
Bildquelle: Privatarchiv Hans-Heinrich Hillegeist

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