Schutz des Gipskarstgebietes im Südharz – keine Abbaugenehmigungen

Neue Abbaugenehmigungen müssen und können vermieden werden

(harz-aktuell) Die Schutzbemühungen um die europaweit einmalige Südharzer Gipskarstlandschaft ziehen immer weitere Kreise. So hat sich jüngst der Niedersächsische Heimatbund in seiner „ROTEN MAPPE“ zu diesem Thema geäußert. Er formuliert:

„Südlich des Harzes, im Dreiländereck von Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, liegt eine in Europa einmalige Gipskarstlandschaft. Die Seltenheit dieses Naturraums und seine einzigartige Ausprägung verleihen ihm eine überragende Bedeutung für den Natur- und Geotopschutz. Wechselnde Klima-, Boden-, Reliefbedingungen und Landnutzungen schufen unterschiedlichste Standortbedingungen. So wuchs ein abwechslungsreiches Mosaik aus Geotopen und Lebensräumen: ein Refugium vieler bedrohter Pflanzen- und Tierarten. Seit 1965 setzt sich der Niedersächsische Heimatbund (NHB) in der ROTEN MAPPE für die Erhaltung der vom Gipsabbau bedrohten Landschaft ein.

Um den andauernden Konflikt zwischen den Gipsabbaubetrieben und dem Naturschutz zu lösen, hatte das Land Niedersachsen in den 1990er Jahren eine Entflechtung der Gebietsansprüche durch Vorgaben im Landesraumordnungsprogramm vorgenommen. Viele für den Naturschutz wertvolle Lebensräume waren bereits unwiederbringlich durch den Abbau von Naturgips zerstört, das Gros der verbliebenen naturnahen Gipskarstflächen wurde aber raumordnerisch gesichert und in der Folge unter Schutz gestellt. Sie gehören heute als Fauna-Flora-Habitat-Gebiete (FFH-Gebiete) 133 und 136 zum europäischen Naturschutznetz Natura 2000.

Dieser „Gipskompromiss“ der niedersächsischen Landesregierung ist nun durch den sogenannten „Kohlekompromiss“ der Bundesregierung von Januar 2019 gefährdet. Durch den Kohlekompromiss will die Bundesregierung den gesellschaftlich konsensualen Ausstieg aus der Kohleverstromung herbeiführen. Die zur Erarbeitung des Kompromisses von der Bundesregierung eingesetzte Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ empfiehlt in ihrem Abschlussbericht unter Kapitel 5.3 „Maßnahmen zur Begleitung des Strukturwandels“ zur Substitution der aus der Rauchgasentschwefelung von Kohlekraftwerken gewonnenen Rauchgasentwicklungsanlagen-Gipse (REA-Gips):

„Um die Wertschöpfungsketten der Gipsindustrie zu erhalten, sind Maßnahmen zu ergreifen, um den fortschreitenden Wegfall an REA-Gips durch eine zusätzliche umweltverträgliche Gewinnung von Naturgips auszugleichen.“ (Seite 86). In der im Januar 2020 vom Bundeskabinett verabschiedeten Rohstoffstrategie wird die „Ausweisung neuer Abbaugebiete für Naturgips“ denn auch für erforderlich gehalten. Der NHB weist nachdrücklich darauf hin, dass es eine umweltverträgliche Naturgipsgewinnung in industriellem Maßstab nicht gibt. Keines der Gipskarst-Biotope ist gleichwertig wiederherstellbar, auch nicht langfristig.

Diese Zerstörung ist auch nicht notwendig, denn es gibt gipsfreie Baustoffe als Alternativen. Gipskarton- und Gipsfaserplatten kann man auch aus „Chemiegips“ herstellen, der in den letzten Jahr-zehnten immer wichtiger geworden ist. Auch können diese Platten besser recycelt werden als oft angenommen, die entsprechenden Anlagen müssten besser ausgenutzt und ausgebaut werden. Länder ohne Naturgipsvorkommen wie Dänemark zeigen uns, wie es geht. Das Land Thüringen arbeitet seit 2018 an der Hochschule Nordhausen an einem entsprechenden Forschungscluster, um die Recyclinggipse und ihren verstärkten Einsatz fachlich zu begleiten.

Der NHB regt an, dass sich Niedersachsen diesem Forschungsansatz im Rahmen der vom Land geförderten Recyclingregion Harz anschließt bzw. eigene einschlägige Forschungsansätze an der Technischen Universität Clausthal fördert. Neue Abbaugenehmigungen für Naturgipsvorkommen müssen vermieden werden.“

In ihrer Antwort teilt die Landesregierung in der sog. WEISSEN MAPPE mit, dass sie die Ausführungen des Niedersächsischen Heimatbundes zur Erhaltung der gefährdeten Landschaft des Südharzes teilt, verweist jedoch auf Defizite im Recycling. Und genau da muss jetzt angesetzt werden, denn Frankreich, Großbritannien oder auch Japan machen uns vor, wie mit hohen Gipsrecyclingquoten Landschaftszerstörung zu vermeiden ist! Schon 2007 hat das Bundesumweltministerium vorgerechnet, dass so viele Phosphogipse anfallen, die als Baugipse eingesetzt werden könnten, dass die Naturzerstörung im Südharz sofort beendet werden könnte.

Das ist ein großes politisches und wirtschaftliches Versäumnis, das es schnellstens zu heilen gilt, so Dr. Friedhart Knolle für den BUND Westharz und Ursula Glock-Menger für den NABU Osterode, die jeweiligen Vorsitzenden der im Altkreis Osterode zuständigen großen Naturschutzverbände.

Quelle und Bildquelle: BUND-Regionalverband Westharz vom 09.08.2020.

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