Vor einem Jahr brannte das Schachmuseum Ströbeck

Eingang und Logo des Schachmuseums Ströbeck vor dem Brand

Einzigartiges Schachmuseum Ströbeck seit dem Brand 2019 geschlossen

(harz-aktuell) Am 14. November jährt sich der Brand des Schachmuseums Ströbeck, der so schwer war, dass das Gebäude Am Platz des Schachspiels geräumt werden musste. Nur dem schnellen Eingreifen der Freiwilligen Feuerwehren war es zu verdanken, dass die einmalige Sammlung des Schachmuseums Ströbeck den Brand größtenteils unbeschadet überstand.

Blick ins Schachmuseum nach dem Brand im November 2019
Blick ins Schachmuseum Ströbeck nach dem Brand im November 2019

Eine Welle des Mitgefühls, zahlreiche Spendenaufrufe und prominente Unterstützung begleiteten die ersten Wochen nach dem Brand – bis heute sind über 14.000 € Spenden auf dem städtischen Spendenkonto eingetroffen. Das Team des Städtischen Museums, dem das Schachmuseum Ströbeck zugeordnet ist, hatte monatelang zu tun, in Schutzmontur sich einen Überblick zu verschaffen sowie die geborgenen Objekte zu sichten, in Schadenskategorien zu unterteilen, mit Fotos dokumentiert und für die Auslagerung zu verpacken.
Nach den Aufräum-, Sicherungs- und Bergungsarbeiten kamen die Experten: die Versicherungen schickten ihre Kulturgutbeauftragten und Restauratoren erstellten Gutachten zum Umfang der Schäden.

Durch Brand beschädigtes Schachspiel

Mittlerweile ist das ehemalige Museumsgebäude komplett geräumt, alle Exponate der wertvollen Sammlung sind von Ruß und Schadstoffen gereinigt und mit der Einrichtung in einem Zwischendepot sicher ausgelagert. Erste Restaurierungen konnten in Auftrag gegeben werden und vollendet werden, darunter das wertvolle Kurfürstenschachbrett aus dem Jahr 1651.

Im Zwischenmagazin beginnt nun die neue Sammlungsmitarbeiterin Friederike Hausmann die Arbeiten zur Inventarisierung in der Datenbank, um die Zuarbeiten für die Kulturgutversicherung abzuschließen und die Ströbecker Sammlung wieder aufbauen zu können. Somit sollen die Grundlagen für eine neue Dauerausstellung in Ströbeck geschaffen werden.

Angekohltes Museums-Objekt

Wiedereröffnung Schachmuseum im Ströbecker Bürgerhaus in Erwägung gezogen

Überlegungen zur Wiedereinrichtung des Schachmuseums im Ströbecker Bürgerhaus konkretisieren sich. Sie geben Hoffnung, dass das Museum ganz bald einen wichtigen Beitrag für die Aufnahme der Ströbecker Schachspieltradition in die internationale UNESCO-Liste leisten kann.

Quelle: Stadt Halberstadt vom 09.11.2020
Bildquelle: Städtisches Museum

Exkurs zur Geschichte des Schach-Museums Ströbeck

Tradition und Schach-Geschichte eines ganzen Dorfes

Etwa neun Kilometer von Halberstadt entfernt liegt das Örtchen Ströbeck, das sich mit seiner Schachtradition europaweit einen Namen machte. Das Schachmuseum war Aushängeschild der jahrhundertlangen Tradition der Schachgeschichte des Ortes. Die Ausstellung genoss weltweiten Ruf. Über den Lokalkolorit und die Darstellung der regionalen Schachgeschichte hinaus bot das Museum eine einmalige Sammlung von Schachfiguren aus aller Welt. Darunter u. a. seltene Makonde-Schachspiele aus Tansania, ein Eskimoschach aus Kanada und aus anderen Teilen der Welt. Allein diese Vielfältigkeit an unterschiedlichen und teils skurrilen Figuren machte einen Besuch im Schachmuseum Ströbeck so lohnenswert.

Außeenansicht Schachmuseum Ströbeck vor dem Brand

Das Museum dokumentierte die Entwicklung des Schachspiels, und zwar vom Kurierschachspiel bis hin zur Schachreform um 1500; ebenso die besonderen Ströbecker Schachregeln. Zudem konnten Besucher unterschiedliche Schachvarianten ausprobieren, darunter auch ungewöhnliche Spiele. Sonder-Ausstellungen zu interessanten Schachthemen ergänzten das Angebot des Schachmuseums Ströbeck. Der Schleich, eine Figur aus dem Kurierschach, empfing seine Gäste beim Eintritt in die Ausstellung. Er prangte nicht nur auf dem Logo des Eingangsschildes, sondern war als geschnitzte Holzfigur auch im zweiten Ausstellungs-Raum im Obergeschoss zu sehen. Im Museumshof befand sich ein großes Schachbrett, wo Kinder toben und Schach spielen konnten.

Herstellung von Schachspielen

Schach-Tradition und Schach-Faszination eines ganzen Ortes

Das 1991 gegründete Schachmuseum, das seit 2006 im alten Rathaus am Platz am Schachspiel untergebracht war, gliederte sich bis zum Brand im Jahr 2019 in unterschiedliche Bereiche. Im Obergeschoss standen zwei Räume zur Verfügung. Die erste Sektion befasste sich mit der Geschichte der Schachtradition in Ströbeck mit Exponaten zum Thema Schach im Alltag. Darunter etwa der Nachbau einer Werkstatt zur Herstellung von Schachbrettern. Ein besonderes Attraktion war das ebenfalls ausgestellte Kurfürstenbrett von 1651. Der Besucher erfuhr dort Wissenswertes zur Geschichte und der Bedeutung des Schachs für seine Bewohner.

Eskimoschach im Schachmuseum Ströbeck

Die Legende erzählt, dass im Jahre 1011 ein vornehmer Gefangener des Bischofs von Halberstadt im Ströbecker Wehrturm gefangen gehalten wurde und seinen Bewachern das Schachspiel beibrachte. Seither wurde das Spiel von Generation zu Generation weitergegeben, und zwar bis heute. Der erste belegte Hinweis stammt aus dem Jahr 1515. Die Schachtradition in Ströbeck ist wahrscheinlich beinah genauso alt wie das Schachspiel in Europa. So findet das Dorf im ersten deutschsprachigen Schachbuch von 1616 mit einem eigenen Kapitel eine ausdrückliche Erwähnung.

Makonde Schachfiguren aus Tansania

Braut musste mit Schach erspielt werden

Zum Hochzeitsbrauch gehörte es, seine Braut am Hochzeitstag zu erspielen. Der Bräutigam musste gegen einen ausgewählten Spieler, meist den Dorfschulzen, antreten. Die Hochzeitsgäste durften dem Spiel zusehen, aber während des Wettkamps kein Wort zum Spiel sagen. Nur wenn sie glaubten, ihr Spieler mache ein Fehler, durften sie warnend zurufen. „Vadder mit Rat!“. Außerdem wurde lange Jahre Schach in der Schule als Pflichtfach unterrichtet und auf dem Zeugnis bewertet. All davon erzählte der erste Ausstellungsraum.

Makonde Schnitzereien aus Metall

Entwicklung des Schachspiels in Deutschland

Der zweite Teil der Ausstellung im Obergeschoss befasste sich mit der Organisation und Entwicklung des Schachspiels. Ebenso war dort der erste Teil der einzigartigen Schachfiguren-Ausstellung beheimatet, bewacht von der Figur der Schleichs aus dem Kurierschach. Im Mai 2009 kamen zwei neue Ausstellungsräume im Kellerbereich hinzu. Besucher erhielten dort einen Einblick in die Kunst- und Literaturgeschichte des Schachs, so auch mit weiteren kunstvollen Schachfiguren.

Schachspiel aus Spanien (15. Jahrhundert)

Es bleibt zu hoffen, dass das Museum in naher Zukunft wieder in altem Glanz öffnen und seine Besucher begeistern kann.

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