“Natur Natur sein lassen”: Die natürliche Dynamik des Ökosystems Wald

“Natur Natur sein lassen”: Die natürliche Dynamik des Ökosystems Wald

(harz-aktuell) “Natur Natur sein lassen”: Die natürliche Dynamik des Ökosystems Wald.

Das Absterben des Waldes – ein Mythos des Harzes

Der Wald stirbt! – Das ist zumindest die Befürchtung, die viele Kenner des Harzes haben. Kein Wunder, denn bei solchen Zuständen der Natur ist die Sorge legitim. Der ferne Blick auf die Baumkronen und der Gang durch die kahlen Wanderwege haben den meisten Menschen im letzten Jahrzehnt eine schreckenerregende Illusion vor Augen geführt: Der Harz ist nicht mehr der, der er mal war. Zugegebenermaßen stimmt das. So wie jedes andere Ökosystem auch, entwickelt sich der Wald. Die Erhaltung des Waldes kann nur dann stattfinden, wenn Teile von ihm sterben. Das kann viele, absolut natürliche Gründe haben: Brände, Sturmwürfe, Insektenkalamitäten, alte, absterbende Bäume, die schlichtweg nicht mehr in der Lage sind, sich zu halten sowie andere Ursachen können ein klein- oder großflächiges Sterben des Waldes hervorrufen. Auf diese Weise entstehen Lücken, die im Laufe der Zeit von neuen Bäumen und Pflanzen eingenommen werden. Diese Entwicklung des Waldes kann auf verschiedenen Teilflächen stattfinden, ohne dass die Entwicklung einer Fläche von der einer anderen abhängt. Sie entfalten sich rein natürlich und bilden von oben betrachtet eine Art Mosaik. In der Biologie bezeichnet man diesen Ablauf als Sukzession.

"Natur Natur sein lassen": Die natürliche Dynamik des Ökosystems Wald.

"Natur Natur sein lassen": Die natürliche Dynamik des Ökosystems Wald.

"Natur Natur sein lassen": Die natürliche Dynamik des Ökosystems Wald.

Keine Angst vor dem Waldwandel und toten Altfichten!

Die Unkenrufe, der Wald sterbe und der Harz drohe für den Tourismus immer uninteressanter zu werden, hört man schon, seit es den ersten Nationalpark im Harz gab. Als Beispiele wurden der Quitschenberg bei Torfhaus, der Bruchberg bei Altenau oder der Meineberg bei Ilsenburg benannt. Heute ist von dem „Schrecken“ nicht mehr viel zu sehen. Der Wald hat sich wieder geschlossen und der Tourismus hat keineswegs darunter gelitten. Die Absterbeprozesse – insbesondere in großflächigen und gleichaltrigen Nadelwäldern – sind beeindruckend, wenn man nicht dauerhaft forstlich dagegen hält. Doch das ist nicht die Aufgabe des Nationalparks. Dafür sind die Waldbilder, die sich dann schon innerhalb weniger Jahre entwickeln, umso eindrucksvoller.

Man darf nur nicht immer auf das vermeintlich Negative schauen. Auch im Jahr 2018 sehen wir, wie abwechslungsreich unter den Altfichten ein neuer Wald entsteht. Solche Abläufe ohne menschliches Handeln zuzulassen – genau das ist die Aufgabe unseres Nationalparks. Der Nationalpark Harz hat zwar immer noch einige Flächen der mittleren Höhenlagen in der aktiven Waldentwicklung. Hier wird versucht, den ursprünglich dort vorkommenden Buchenwald durch Pflanzungen wieder an den Start zu bringen. Dort aber, wo es wie bei Bad Harzburg oder Herzberg schon Laubwälder gibt, passiert bis auf Sicherungsmaßnahmen zu Straßen oder Gebäuden nichts mehr. Gleiches gilt für die Fichtenwälder der Hochlagen über 700 Höhenmetern. Hier haben wir es aber mit einer ungleich stärkeren Dynamik zu tun. Schädigungen durch Trockenheit, Sturm oder Schneebruch haben oft eine Massenvermehrung von Borkenkäfern zur Folge. Das sehen wir gerade sehr eindrucksvoll beispielsweise an der B 4 oder an der Brockenstraße.

Gehe ich aber näher an den toten Wald, sehe ich schnell, was alles im Schutz der toten Altfichten passiert. Schon nach einem Jahr stellen sich mit den jungen Fichten kleine Vogelbeeren, die Pionierbäume der Hochlagen, ein. Bereits nach wenigen Jahren stellt sich der Wald schon wieder ganz anders dar. Ältere Fichten, und nur die, werden dann vom „Buchdrucker“ – dem gefürchteten Fichten-Borkenkäfer – befallen und zum Absterben gebracht.  Das gab es aber auch schon in früheren Zeiten.  Die Larven der Borkenkäfer, die sich unter der Rinde entwickeln, bezeichnete man als „Würmer“ und die große Wurmtrocknis brachte beispielsweise zwischen etwa 1770 und 1800 immerhin ca. 300 km² Fichtenwald zum Absterben. Doch der Nationalpark Harz hat eine Flächengröße von 250 km² und davon ist längst nicht alles Fichtenwald.

Wir haben heute eine einmalige Chance, natürliche Entwicklungen zu beobachten und mitzuerleben. Auch die letzten Herbst- und Winterstürme werden weiterhin dazu beitragen, dass mögliche Massenvermehrungen der Borkenkäfer noch über einen gewissen Zeitraum das Bild der Nationalpark-Fichtenwälder prägen. Dann heißt es wieder gut hinschauen, um den neu wachsenden Wald kennenzulernen. Der ist übrigens auch viel widerstandsfähiger gegenüber den aktuellen Klimaveränderungen. Die Natur weiß ganz genau, was sie hier tut. Sorge müssen wir dabei nicht haben, auch wenn die Waldbilder für uns Mitteleuropäer ungewöhnlich aussehen. Aber wir müssen sie unseren touristischen Gästen konstruktiv erläutern.

Nationalpark Harz
Nationalparkverwaltung Harz
Lindenallee 35
38855 Wernigerode
Tel.: +49 3943 5502-0
Fax: +49 3943 5502–37
E-Mail: info@nationalpark-harz.de
Internet: www.nationalpark-harz.de

Quelle: Christian Lux
Bildquelle: Nationalpark Harz, Drube, Nörenberg, Gebara